Kulturschock

von Seraina Betschart (2. Semester)

 

Bevor ich dieses Semester an der PHSZ startete, war ich dreizehn Monate als Au-pair in New York. Es war ein langes, aber sehr lehrreiches Jahr. Ich konnte viel reisen, mein Englisch verbessern und am Times Square inmitten einer am Boden zerstörten Menschenmasse miterleben, wie die USA ihren neuen Präsidenten wählte. Zuvor war ich von mehreren Seiten gewarnt worden, was für eine grosse Umstellung das Ganze werden würde. Ich würde ganz sicher einen Kulturschock erleben (eine Phase, die normalerweise nach etwa 2 bis 4 Monaten eintritt und in welcher man ständig die Eigenheiten und Kultur des Gastlandes negativ mit dem Heimatland vergleicht). Tatsächlich trat dieser nach drei Monaten in den Staaten ein, und ich war für zwei Wochen recht miesepetrig drauf. Jedoch war ich so gut auf die Sache vorbereitet worden, dass das Ganze keine grosse Belastung war. In diesem Artikel geht es aber nicht um mein Jahr im Ausland, sondern um meine Rückkehr in die Schweiz. Denn niemand hatte mich auf diesen zweiten Kulturschock vorbereitet. Im Folgenden also ein Auszug aus meinem Tagebuch (zumindest könnte es ein Auszug aus meinem Tagebuch sein, falls ich in dieser Zeit Tagebuch geschrieben hätte).

 

3. August 2017

Ich bin zurück in der Schweiz. Was sich sehr unreal anfühlt. Patriotisch wird es schon am Flughafen, als ich mit der Skymetro (diese Bahn, die zwischen dem Hauptgebäude und Terminal E hin- und herfährt) zurück fahre und von Alphorn- und Kuhglockenklängen berieselt werde. Mein Abholkommando hat Verspätung.

(So viel zur Schweizer Pünktlichkeit. Ok, um fair zu sein, mein Flug war etwas früher am Ziel). Ich bringe fast keine Worte raus, nicht nur, weil ich so müde von der Reise bin, sondern auch, weil ich irgendwie nicht mehrrichtig Schweizerdeutsch sprechen kann. Draussen regnet es natürlich. Zuhause gehe ich nach dieser 24-Stunden-Reise schon um fünf Uhr ins Bett, das freundlicherweise schon von meiner Familie bezogen wurde (ansonsten ist mein Zimmer so leergeräumt und in Kisten verpackt, wie ich es ein Jahr zuvor zurückgelassen habe). Diese ganze Schweizerdeutsch-Sprecherei ist mir schon zu anstrengend geworden.

 

5. August 2017

Ich hatte genau einen Tag Zeit, mich nach einem Jahr Autofahren mit Automatik wieder an die Gangschaltung zu gewöhnen und schon fahre ich heute nach Basel, um meinen Bruder vom Flughafen abzuholen. Autofahren in der Schweiz ist echt anspruchsvoll. Die Strassen sind enger, die Autos schneller und ausserdem gibt es Rechtsvortritt und diese dreieckigen «kein Vortritt»-Tafeln. Daran bin ich überhaupt nicht mehr gewohnt. In den USA wird alles mit Stoppschildern oder Ampeln geregelt, wodurch man oft am Stehen ist. Ausserdem ist der Blinker hier in der Schweiz mehr als nur Dekoration, er wird tatsächlich gebraucht. Man darf nicht rechts überholen und das Benzin ist so teuer. Ich fühle mich wieder wie ein Lernfahrer.

 

10. August 2017

Ich bin mittlerweile schon seit einer Woche zurück in derS chweiz. Irgendwie sieht alles ziemlich so aus, wie ich es verlassen habe. Die Menschen haben sich kaum verändert, es ist fast, als wäre ich nie weg gewesen. Bloss die Kinder sind einige Zentimeter in die Höhe geschossen. Ich fühle mich bereits wieder recht eingelebt. Jedoch geht mir dieses Schweizerdeutsch langsam sehr auf die Nerven. Nicht nur die Menschen, auch das Radio, die Plakate, im Fernsehen, überall hört man Schweizerdeutsch! Gibt es hier denn gar kein Englisch?!

 

18. August 2017

Mittlerweile sieht mein Zimmer wieder wie ein Zimmer aus undi ch war in letzter Zeit oft in den schönen Bergen wandern, die ich so sehr vermisst habe. Ich habe auch schon wieder einen Tag gearbeitet und einige Freunde besucht. Ansonsten ist es im Moment etwas langweilig. Alle arbeiten, haben Schule, sind im Ausland oder haben sonst irgendeine sinnvolle Beschäftigung, während ich zu Hause rumsitze und englische Bücher lese. So langsam gewöhne ich mich wieder ans Schweizerdeutsch, jedoch fülle ich meine Sätze immer noch mit vielen englischen Wörtern.

 

21. August2017

I have enough! I can’t listen to German anymore. I miss New York City, where I spent most of my weekends in the US. I hate being told by my mother how to correctly wash clothes. I washed all my clothes for a year. I hate the library where almost all books are in German and the cinema where they show films only in German. I hate translated films, it sounds awful. And Swiss people are so withdrawn. They don’t start random conversations with strangers. I was not once accosted by some creepy 40-year-old guy since I’m back. I feel the opposite of homesick, I want to get away from here. I want to go travelling. I miss the summerf estivals in New York and the free open air films in Central Park. I miss the many nationalities I encountered everyday on the street. I miss the huge book stores. I even miss the Starbucks that exist in the US at every corner.

 

27. August 2017

Es geht mir wieder besser. Der zweite Kulturschock innerhalb eines Jahres ist überstanden. Gestern war ich am Event «Brunnen kocht» und an der «Windweek» in Brunnen. Am Anfang dachte ich schon, wir hätten uns im Datumgeirrt, so wenig Menschen waren unterwegs. Gegen Abend nahm die Masse dann etwas zu und während sich viele Menschen um mich herum über das Getümmel ärgerten, fühlte ich mich viel wohler. Ich bin zu sehr an New York gewöhnt, wo man unter einen Anlass bloss «free» schreiben muss und garantiert schon Tausende von Menschen kommen, selbst wenn es irgendein Rumänien-Fest ist. Andererseits finde ich es wunderschön, wie dunkel es hier in der Nacht wird und wie viele Sterne man sehen kann. Wie ruhig es ist. Ich finde es schön, dass es so viel Grün in unserem Dorf gibt, so viele klare Seen und man fast alle Menschen kennt. Dass die Leute Zeit haben, abends rauszugehen und man eine Stunde in einem Restaurant sitzen kann, ohne vom Kellner böse angeschaut zu werden. Nächste Woche beginnt ein neuer Abschnitt. Die Einführungswoche der PHSZ findet statt. Mittlerweile fühle ich mich bereit dazu und auch mein Schweizerdeutsch klingt wieder recht normal.