Petko unplugged, November 2015

Von Thomas Watzlawek (1.Semester PS)

 

Ein wenig aufgeregt war ich schon, als ich an seine Bürotür klopfte. Ist er wirklich so gelassen und schlagfertig, wie er in der Vorlesung rüberkommt? Oder entpuppt er sich in Wirklichkeit als spassresistenter, einsilbiger Sonderling? Doch die Befürchtungen wurden schnell zerstreut. In Petko unplugged zelebriert der gleiche Virtuose, wie wir ihn schon aus seinen Vorlesungswerken kennen.

 

Herr Petko, wo sind Sie denn wann geboren?

Geboren bin ich 1970 in Göttingen, und dort lebte ich die ersten Jahre auch. Danach zogen wir ins benachbarte Hannover um, wo ich dann meine ganze Schulzeit verbrachte.

 

Haben Sie noch Kontakt zu Ihrem Heimatort?

Ja, auch wenn das mit der Zeit natürlich weniger wird. Aber erst kürzlich war ich wieder auf einem Klassentreffen.

 

Zuerst studierten Sie 1989 Theologie an der Universität Göttingen, bevor Sie zu den Erziehungswissenschaften wechselten. Warum wählten Sie Ihren Geburtsort, und warum unternahmen Sie einen Abstecher in die Theologie?

Ich ging nach Göttingen, um meine Geburtsstadt besser kennenzulernen und meine gewohnte Umgebung zu verlassen. Im Rückblick war das vor allem eine Bauchentscheidung. Heute würde ich meine Wahl viel stärker von der Qualität der Forschung und Lehre abhängig machen. Göttingen war rückblickend aber eine gute Wahl. In der Theologie wollte ich mich mit den grossen Fragen des Lebens beschäftigen: Warum sind wir hier? Wie sollen wir handeln? Was soll das alles? Ich war nicht besonders religiös, hielt aber Theologie als philosophischen Zugang für spannend und dachte, ich kann da querdenken. Leider war das kaum der Fall. Und dann brachten mich Freunde, die in der Sozialpädagogik arbeiteten, auf die Pädagogik.

 

Ab wann studierten Sie Pädagogik?

1994 fing ich mit Pädagogik an. Es war reines Glück, dass ich gleich im ersten Beratungsgespräch an eine Professorin geriet, die noch Studenten für ein Forschungsprojekt suchte. Ich studierte im 1. Semester und war nebenher noch dabei, ein Unterrichtsprojekt in Grundschulen durchzuführen und Daten zu diesem Projekt zu erheben. Ich änderte auch die Art meiner Studienfinanzierung: Ich kündigte meinen klassischen Studentenjob an der

Theke und arbeitete für das Jugendamt in belasteten Familien und mit auffälligen Jugendlichen. Dadurch bekam ich eine Ahnung, wofür das ganze theoretische Wissen nützlich war und wofür eben auch nicht. Und dann habe ich

auch noch so kleine Jobs an der Uni gemacht, z.B. als Tutor in Statistikkursen. Da habe ich gemerkt, dass mir das Unterrichten an einer Hochschule eigentlich gefällt.

 

1999 erhielten Sie Ihren M.A. (Magister Artium) mit Auszeichnung, und im gleichen Jahr ging es bereits in die Schweiz als Leiter der offenen Jugendarbeit in Hirzel ZH. Von 2000 bis 2005 waren Sie an der Universität Zürich als Assistent und Lehrbeauftragter beschäftigt, Ihren Doktortitel erhielten Sie mit summa cum laude im Jahr 2004. An der Pädagogischen Hochschule Schwyz fingen Sie aber schon 2003 an, wie kam das zustande?

In die Schweiz kam ich eigentlich eher aus privaten Gründen. Es war ein Glücksfall, dass ich an der Universität Zürich im Team von Professor Kurt Reusser im Bereich der Pädagogischen Psychologie und Didaktik eine Stelle fand. Der Standard wissenschaftlichen Denkens und Arbeitens war dort extrem hoch, und am Anfang musste ich sehr viel dazulernen. Es war ausserdem wahnsinnig spannend, dort nicht nur deutschsprachige, sondern internationale Pädagoginnen und Pädagogen von Rang und Namen kennenlernen zu dürfen, die oft sogar unsere Forschungspartner waren. Professor Reusser ist international sehr renommiert, und als sein Schüler wurde mir dann die Stelle an der neu geschaffenen Pädagogischen Hochschule angeboten, die damals noch in Rickenbach angesiedelt war. Wichtig war vermutlich auch mein Forschungsthema, das Lehren und Lernen mit digitalen

Medien. Da steckte viel Innovation drin, und das passte zum Innovationsgeist der jungen Pädagogischen Hochschule.

 

Seit 2013 sind Sie zusätzlich noch Prorektor für Forschung und Entwicklung. Welches Arbeitspensum müssen Sie leisten?

Als Prorektor bin ich in praktisch alle Belange der Hochschulleitung involviert, wie etwa in der Umsetzung unserer Hochschulstrategie oder in das Qualitätsmanagement. Dann trage ich natürlich die Hauptverantwortung für die

Forschungsarbeiten an unserer Pädagogischen Hochschule und leite das Institut für Medien und Schule, wo ich auch ganz praktisch in Projekten arbeite. Daneben schreibe ich natürlich viel und halte Vorträge. Ich habe irgendwie immer zu viel zu tun, auch wenn mir das eigentlich Spass macht. Die Pädagogische Hochschule Schwyz wächst, und damit wachsen auch die Aufgaben. Die Vorlesungen möchte ich aber auf jeden Fall weitermachen. Ich fände es extrem schade, wenn ich als Professor keinen Kontakt mit Studierenden hätte.

 

Die Liste Ihrer Publikationen ist bereits recht lang. Ist es schwierig, die Deadlines der Verlage einzuhalten?

Nein, eigentlich nicht. Deadlines habe ich ständig, und das sorgt dafür, dass man produktiv bleibt. Wichtig sind aber vor allem die Publikationen in den Fachzeitschriften, und da liegt der Druck eher bei der wissenschaftlichen Qualität. Die reine Menge der Publikationen ist nicht so entscheidend. Wenn man es schafft, zwei oder drei Publikationen zu schreiben, die in der Fachwelt auf Resonanz stossen, ist das viel mehr wert als zahllose andere, die kein Mensch lesen will.

 

In Ihren Vorlesungen glänzen Sie stets mit profundem Fachwissen. Das möchte ich jetzt einmal testen, zumal

dieses Thema selbst in Ihrer Vorlesung kurz behandelt wurde: In welchem System sollen die schweizerische und die deutsche Fussballnationalmannschaft in der Europameisterschaft 2016 spielen und warum?

(lacht)- Zu diesem Thema habe ich in den Vorlesungen wohl schlauer gewirkt, als ich bin. Hierzu habe ich kaum echtes Fachwissen, sondern nur meine subjektive Meinung. Grundsätzlich glaube ich, dass man das System auch an die Spieler anpassen muss und nicht nur umgekehrt. Ich finde es interessanter, wenn da Charaktere auf dem Platz stehen und das auch spürbar ist. In der Zukunft wird es ausserdem darauf ankommen, nicht nur ein System zu

beherrschen, sondern situativ umschalten zu können. Wie alles auf der Welt wird Fussball ja immer komplexer, auch wenn die Spielidee eigentlich simpel ist.

 

Wenn Sie da aufgewachsen sind, sind Sie wahrscheinlich ein Fan von Hannover 96?

(lacht)- Nein, Fan würde ich das nicht nennen. Ich bin ein Interessent, aber kein Fan. Was mich an der Deutschen Bundesliga und vielen anderen grossen Ligen stört, ist der Einfluss der Champions League und der riesigen Geldtöpfe. Die Schere zwischen den reichen und den ärmeren Clubs, die nicht in den Genuss von Millionenausschüttungen kommen, wird immer grösser. So wird Profifussball langweilig. Obwohl ich ein

statistisch denkender Mensch bin, bevorzuge ich im Fussball die Unberechenbarkeit.

 

Wenn Sie ein Spiel im TV schauen, machen Sie das eher im Kreis der Familie mit einem Glas Wein oder eher mit Freunden und ein paar Bieren?

Die Abende verbringe ich natürlich meistens mit meiner Familie. Aber mit meinem Wunsch, Fussball zu schauen, bin ich da leider in der Minderheit. Wir einigen uns dann normalerweise auf Sandmännchen. -(lacht)

 

Und wer wird Europameister?

Damit sind wir wieder bei den grossen Fragen desLebens, oder?

 

Herr Petko, vielen Dank für das Gespräch.